Platon
P H I L O R E A L
Alle selbst erstellten
Bilder und Texte
Copyright © M.R.Luft
und ULRIM-Verlag
2001 - 2018
These 3

Funktioneller Hinweis:
Dunkelblaue Begriffe werden durch den Mauszeiger erklärt. Mauszeiger ruhig über dem Begriff halten bis Erklärung erscheint.

Zusätzlich steht hier online das
Langenscheidt Fremdwörterbuch
in einem Popup-Window zur Verfügung.

Die Systemtheorie sollte für das tiefere Verständnis der Thesen inhaltlich bekannt sein (siehe Navigationsleiste).
»Bewusstsein und Willkür«

  oder »Handeln wir tatsächlich bewusst?«


These: Bewusstsein ist ein überlebensstrategischer Selbstbetrug - das Schlusslicht aller Wahrnehmungsinstanzen im Gehirn!

Diese These baut auf den vorherigen Thesen auf. Sie müssen zur Vermeidung von Wiederholungen hier verständnismäßig vorausgesetzt werden.


Prolog:

Bewusstsein bedeutet erst einmal »Selbstwahrnehmung«. Im Alltag setzen wir diesen Begriff aber wieder typischerweise mit dem Inbegriff gleich: »Ich bestimme über mich selbst und mein Tun in selbstwillkürlicher Art; ich tue, was ich will!« - mehr oder weniger mündig, aber das ist eine anderes Thema. Unsere Psyche lässt uns übermächtig unterstellen, dass wir das sind, was wir Bewusstsein nennen. Unsere Sinne sind sozusagen die kleinen Helferlein, die wir unter Kontrolle haben und die uns mit Informationen von »vor den Augen« versorgen. Wie ein König (meinen wir) sitzt das Bewusstsein auf dem Thron und hat seine leibeigenen Sinne (im wahrsten Sinne des Wortes).

Es gibt mittlerweile viele Ansätze mit schier erdrückenden Indizien aus den unterschiedlichsten Forschungsrichtungen, die ausnahmslos auf das Gleiche hindeuten: Bewusstsein ist ein Selbstbetrug des Gehirns: Neurologie, Verhaltensforschung, Evolution, Biologie, Realphilosophie und sogar die Physik der Wahrnehmung auf der Basis biologischer Systeme. Der heutige Zustand ist: wir stehen vor einem Scherbenhaufen an Erkenntnis und Begriffen, die sich untereinander scheinbar völlig inkonsistent verhalten zu unserer Erfahrung, unserer Psyche und speziell dem Glauben vieler Menschen, der den Prozess zur Erkenntnis aus Prinzip zu unterbinden sucht, weil er finale Antworten dogmatisiert. Eine schlüssige, von allen akzeptable und hinreichende Interpretation von »Bewusstsein« steht aus.

Was also ist »Bewusstsein« und was heißt hier Selbstbetrug?

Unser Gehirn ist ein Organ, das sich evolutionär als sehr gut funktionierende Ressource zum Überleben herausgestellt hat: Anpassungsfähigkeit als grundlegende, wichtige Eigenschaft überlebenstaktischen Verhaltens der Art. Wie es das bewerkstelligt, dass es ein Bewusstsein hervorbringt, ist bis heute nicht mal ansatzweise erklärbar, aber auf wundersame Art ist es für diese These auch völlig egal, wie es das tut. Wichtig ist, dass es so ist und das können wir alle akzeptieren. Wir erleben mit unserem Selbst, dass wir uns in uns selbst wahrnehmen können. Es entsteht eine spezifische Ausprägung von Selbstempfindung: »ich-bin«. Die Frage die sich hier stellt ist: Ist das etwas anderes, als alle anderen Sinnesempfindungen die unser Gehirn sonst so generiert (siehe These 1 und 2), oder hat diese eine ganz andere Qualität? Ist sie systemimmanenter Anteil wie jede andere Wahrnehmung der Realität auch oder steht sie darüber, daneben oder wie?
Diskurs:
Ich-Bewusstsein: Wie bewusst bin ich mir eigentlich? - immer und absolut - oder wie? Beispiel: Wir fahren Auto. Eine Strecke, die wir jeden Tag fahren; schon jahrelang. Denken wir zurück an ..., sagen wir gestern, oder heute morgen. Haben wir den Akt des Fahrens, von Zuhause über alle Straßen, an allen Straßenschildern vorbei, bis auf den Parkplatz vor der Arbeit, des Schlüssel Abziehens, Aussteigens, etc. in voller »ich-bin-mir-selbst-bewusst«-Empfinden wahrgenommen? Wenn wir selbstehrlich sind: Nein! Und irgendwie stört das Bewusstsein dabei auch, oder?! Alles lief mechanisch ab ohne ein selbstkontrollierendes Eingreifen bewusster Selbstreflexion. Trotzdem nehmen wir dauernd die Handlung und unser Sein gegenüber der augenblicklichen Bedingungen um uns herum empfindend wahr - nur nicht selbstreflexiv »ich-bin«-bewusst. Das zeigt deutlich - und viele andere Beispiele lassen sich dazu anführen:

Bewusstsein ist keine Qualität sondern eine Quantität! Eine Empfindung, die kontinuierlich(!) zwischen den beiden Extremen »Ohnmacht« und »hellster, wacher, innerer Selbstreflexion« vorkommt.

Wie empfinden wir unser »Ich-Bewusstsein«? Beginnen wir in unserer Vorstellung mit dem Alltagsverhalten von tausendfach eingeübten, gleichen Verhaltensweisen und steigern diesen Zustand kontinuierlich. Es lassen sich drei Bereiche von Selbstwahrnehmungstiefe analysieren, die kontinuierlich ineinander übergehen:

Beginnen wir als Erstes mit dem Autofahren über eine bekannte Strecke. Unsere Selbstwahrnehmung ist völlig ausgeschaltet. Wir reflektieren nicht darüber, was wir motorisch tun, wenn die Ampel grün wird. Trotzdem tun wir ziel- und zweckgerichtet das Richtige in tausendfach geübter Weise. So als könnte sich unsere »Ich-selbst-Wahrnehmung« blind(!) darauf verlassen, dass unser Körper das Richtige im richtigen Moment tut. Plötzlich taucht ein Hindernis vor uns auf und wir reagieren mit einer Vollbremsung - ohne (Selbst-)Bewusstsein!

Zweiter Bereich: Steigern wir jetzt kontinuierlich die Überwachung des »ich-bin«-Wahrnehmens. Es wird sich mehr und mehr der Zustand einer Selbstwahrnehmung einstellen was wir tun ..., aber ohne kontrollierendes Eingreifen. Wenn man das tut, so wird man verblüfft feststellen, das unser Körper Aktionen ausführt, ohne dass wir eingreifen müssen. So, als wenn er völlig selbständig ist und unser »ich-bin« nicht braucht. Tatsächlich ist das auch so: Wir beobachten unser Selbst dabei völlig passiv. Dieser zweite Bereich ist ein äußerst wichtiger Bereich, der unsere Überlebensfähigkeit überhaupt erst sicherstellt.

Es gibt einen einfachen Verhaltensversuch: Eine Person hat die Aufgabe, wenn eine Lampe angeht, einen Knopf zu drücken. Dabei wird die Zeit gemessen, die die Person zur Reaktion braucht. Diese sog. Schrecksekunde liegt typischerweise bei rund 250ms. Jetzt soll die Person versuchen, ihre Reaktionszeit kontinuierlich zu verlangsamen. Interessanterweise ist dazu niemand in der Lage. Schon der geringste Versuch eine auch nur minimale Verzögerung bis zum Tastendruck zu erzeugen, lässt die Reaktionszeit erst einmal auf über eine halbe Sekunde springen. Die Erklärung ist banal: Wenn wir etwas verzögern wollen, dann müssen wir unser Bewusstsein einschalten um unser geübtes Tun zu kontrollieren. Das führt aber sofort zu einer weiteren, unbeeinflussbaren Mindestverzögerung. Viele Versuche in subtiler, modifizierter Art haben gezeigt, dass diese Zeit nicht damit erklärt werden kann, dass die Nervensignale jetzt einen längeren Weg über das Gehirn, statt nur über das Rückenmark haben, denn dann wäre die Zeit nur gering höher. Der Verarbeitungsprozess des einflussnehmenden Bewusstseins braucht einfach sehr viel länger, denn ...ja(!) ... denn dieser ist unsicherer:

Wenn eine Eiskunstläuferin bewusst, oder gar »ich-nehme-mich-gerade-wahr-und-möchte-bewusst-meine-Bewegungen-ausführen«-bewusst versucht Eiskunst zu machen, wird sie unsicher und fällt deutlich leichter hin. Das ist der Grund, warum wir Menschen uns so schwer tun und so lange üben müssen, wenn wir etwas oder eine Körperbeherrschung erlernen. Wir brauchen das Bewusstsein um zu lernen, dann aber müssen wir lernen das Bewusstsein wieder zu unterdrücken; es auszuschalten, denn nur dann kann eine komplizierte Bewegung selbstsicher funktionieren. Alles muss unbewusst ablaufen. Der geringste Versuch Einfluss zu nehmen scheitert kläglich.

Interessant, nicht? Das heißt aber nichts anderes, als dass unser Bewusstsein, wenn wir es prinzipiell immer einsetzen müssten, unsere Überlebensfähigkeit reduziert. Man denke wieder an die sofortige Vollbremsung, wenn ein Hindernis vor dem Auto auftaucht. Ein Bewusstsein, oder besser: eine bewusste Einflussnahme wäre hier definitiv fehl am Platze! Das ist der Grund, warum wir, wenn wir etwas lernen (Autofahren), so unsicher und unfallgefährdet sind, da in dieser Phase das Bewusstsein nötig ist, um unser Reaktionsverhalten zu prägen, so dass wir uns später darauf überlebenstaktisch verlassen können.

Dritter Bereich: Wir beobachten uns aktiv und beeinflussen das Geschehen. Wir empfinden uns selbst und beobachten, was uns diese Empfindung vermittelt, um dann einen Einfluss zu nehmen, nehmen zu können auf das reaktive Handeln (eigentlich oben schon genannt: Tastendrücken). Jetzt haben wir einen Zustand, der so aussieht, als wenn drei Wesenheiten in uns sind:

1. Ein reaktives Wesen ohne (Selbst-)Bewusstsein bzw. ohne Selbstwahrnehmung, dass aber sehr wohl wahrnehmen kann, sonst könnte es nicht reagieren, wenngleich auch ohne Empfindungsausprägung dieser Wahrnehmungen,
2. ein Wesen, das das reaktive Wesen beobachten kann, und
3. ein, um es mit Sigmund Freud auszudrücken: Über-ich, das sogar sich selbst, also seine Selbstempfindung reflexiv beobachten und empfinden kann. Eine Empfindung der »ich-bin«-Empfindung sozusagen.

Jedes Mal aber ist das eine Empfindungs..., ja eben -quantität!: eine reine Empfindung in unterschiedlicher Ausprägungstiefe! Und diese Empfindung hat keine andere (jetzt) Qualität, als das Empfinden von Hell, einer Farbe, eine Sinfonie, etc.. Es ist eine reine Empfindung, weiter nichts. Und wenn man sich klar macht, wie viele Lebewesen auf unserem Planeten überhaupt eine solche Fähigkeit haben, dann sieht man, dass diese zum Überleben nicht unbedingt notwendig ist, obgleich sie uns als das anpassungsfähigste Wesen definiert und befähigt. So gesehen ein überlebensstrategisch wichtiges Element. Es stellt also nicht in Abrede, dass das Bewusstsein eine sinnvolle Ressource ist. Wir brauchen es für strategisches aber nicht für taktisches, kreatives Lernverhalten.

Wie also empfinden wir uns selbst: Antwort: so gut wie gar nicht! Im Alltag ist das nicht notwendig und wird auch kaum genutzt. Oder, wann haben Sie, lieber Leser, das letzte Mal, in tiefster, selbstreflexiver Selbstempfindung ihr »ich-bin«-Empfinden, oder noch tiefer, Ihr Handeln wahrgenommen? Ehrlich...?!
 
Resümee:
Wir handeln im Alltag taktisch nicht selbstbewusst, denn das wäre eine definitive Existenzgefährdung! Bewusstsein ist somit nicht der Akteur unseres Handelns und Reagierens, sondern das Schlusslicht von Wahrnehmung vor der Selbstempfindung! Gleichwohl hat das selbstreflektorische Bewusstsein ein sogenanntes Vetorecht (zur Ehrenrettung der »Willkür«, um dem kollektiven Aufschrei der Emotionen zuvorzukommen!). Aus anderen, neurophysiologischen Untersuchungen von Benjamin Libet et al., die ich in einer weiteren These vorstelle, ist das eindeutig festzustellen: Wenn wir eine Handlung aus emotionellen, Empfindungen bzw. Wahrnehmungen heraus einleiten wollen, so kann das Bewusstsein willkürlich, sofern es in einer spezifischen Weise durch Umwelt, Lebensart und Erziehung so geprägt ist und dadurch angesprochen wird, eine so vor der Ausführung stehenden Handlung sehr wohl beeinflussen oder unterbinden, was letztlich unsere Vernunft-, Moral- und Ethikfähigkeit überhaupt erst ausmacht. Aber: erst hier und in seltener Art ist Willkür, wenn überhaupt, feststellbar! Bewusste, vorsätzliche Handlungswillkür ist demnach, überlebenstaktisch und auch überlebensstrategisch ein sehr seltener Zustand und(!): Bewusstsein ist die letzte Instanz, sofern sie gerade mal selbstreflektorisch wach ist, die von der reaktiven Handlung des Körpers und des Geistes im und vom Gehirn informiert wird und zwar erst kurz vor der Handlungsdurchführung.

Wenn wir davon ausgehen, dass das, was wir unter Bewusstsein verstehen, für unser Leben und Überleben eben nicht die Rolle spielt, die wir eigentlich in nicht wahrgenommener, typisch egozentrischer Art darunter verstehen, dann ist das eigentlich ein Selbstbetrug unseres Gehirns! Diese Ressource ist, so wie alle anderen Empfindungen auch, generiert. Sie gibt uns als Art eine strategische, über die taktischen, reaktiven Fähigkeiten hinausgehende Überlebensfähigkeit. Somit ein sehr wichtiger und sinnvoller Selbstbetrug!

Bewusstsein ist also die notwendige Folge evolutionsstrategischer Auslese und nicht die Ursache oder Selbstverständlichkeit bewussten Lebens! Man kann erahnen, welche völlig überzeichnete Vorstellung wir Menschen kollektiv von uns haben. Aber: Diese Einschätzung ändert ja nichts! Wir werden uns im Alltag weiterhin genau so empfinden und wahrnehmen, wie bisher auch, denn das funktioniert offenbar, na-ja, sagen wir hier: in sinnvoller Weise, zumindest aus evolutionstheoretischer Sicht. Ob uns das letztendlich vor einer Selbstausrottung bewahrt, wird sich noch herausstellen müssen. Wir wären nicht die erste Art und das ist der globale Alltag über die Jahrmilliarden der biologischen Erdevolution, die sich mit ihren Fähigkeiten irgendwann doch einmal nicht mehr anpassen kann, auch vor den eigenen Errungenschaften, die die Randbedingungen unserer Existenz immer eklatanter abändert, aber das ist ein anderes Thema.
 


Wenn Sie lieber Leser mehr zu diesem Thema erfahren möchten, dann darf ich Ihnen gerne meine Bücher empfehlen.
Weitere Info hierzu über ULRIM-Verlag Darmstadt (www.ulrim.de), wo Sie sich ganz zwanglos informieren können!