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These 8

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Die Systemtheorie sollte für das tiefere Verständnis der Thesen inhaltlich bekannt sein (siehe Navigationsleiste).
»Wir denken zu eindimensional«

  oder »Warum soll immer nur einer recht haben?«


These: Unser erkenntnistheoretischer Zugang zur Realität (besser jetzt: »zu den Realitäten«) gründet sich auf einem falschen Verhaltenskomplex


Prolog:

Unsere Welt ist eine solche, in der in aller Regel zwei entgegengesetzte Attribute spezifischer Erscheinungen zu finden sind. Das fängt schon mit hell und dunkel etc. an und hört nicht unbedingt mit den Geschmäckern oder komplexen Weltsichten zweier Personen auf, die sich gegenseitig in richtig und falsch oder gar gut und böse zu identifizieren suchen. Auch die konkreten Wissenschaften und gerade die Philosophie, die ja von und für die Menschen gemacht sind, schlagen sich mit dieser Qualität des/unseres Seins herum. Alles scheint sich in unvereinbare Gegensätze aufzuteilen.

Diese dialektische Weltprägung hat kulturhistorisch dazu geführt, dass wir dazu neigen, so gut wie alles von vorn herein in schwarz und weiß zu trennen. Offenbar auch solches, das offenbar keine Sprungfunktion, sondern quasikontinuierliche Übergänge zwischen den extremen, in vielen Fällen paradox erscheinenden Phänomenen der entgegengesetzten Positionen hat. Auch wenn gerade deshalb die in unserer Erkenntnis auftretenden Widerspruchsmomente zwischen »entweder« und »oder« solches vermuten lässt.

Determinismus, Zufall, der freie Wille, das in der Quantenphysik zu beobachtende Phänomen von »entweder Welle oder Teilchen«, Moral, Ethik und Vernunft, Wertesysteme, Religionen, Weltanschauungen u.v.a.m. sind alle deshalb Phänomene und nicht konsistentes Wissen über die Dinge, weil sie (in unseren Diskursen!) mit zum Teil scharfen, immanenten Widerspruchsmomenten zwischen den Anschauungs- und Überzeugungslagern durchsetzt sind. Die Natur der Dinge aber kann nicht in sich widersprüchlich sein. Dieser Gedanke wäre schon aus grundsätzlichen Erwägungen abzulehnen.

Es bestehen aus vielen Bereichen unseres Wissens starke Anzeichen, dass die uns umgebende Natur der Dinge, einschließlich des Lebens und uns selbst, zum einen etwas Einheitliches ist oder zumindest sein sollte. Zum anderen aber, wenn man diese näher betrachtet und zu verstehen sucht, dann zerlegt sich die Einheitlichkeit in Zustandsbereiche, wo sich eine und dieselbe Erscheinung aus zwei Blickwinkeln selbst zu widersprechen scheint und zum Widerspruchsmoment-belasteten Phänomen wird. Wie um alles in der Welt sollte dieses Universum in sich widersprüchlich sein? Es funktioniert doch, definitiv! Auch wenn wir mit Widerspruchsmomenten in oder besser: zwischen unserem Wissen leben, die Natur der Dinge kann nicht in sich widersprüchlich sein. Schon hier zeigt sich, dass wir zu wenig zwischen unserem Wissen und der Natur der Dinge zu differenzieren wissen, und beides wieder auf der unsauberen, alltäglichen Basis der/einer Universalrealität hinnehmen. Unsere Modelle bzw. Wissen über die Dinge und die Dinge selbst werden gerade deshalb als eine universalreale Identität erachtet. Aber: Wenn alles eine/diese unterstellte Universalrealität wäre, wo bitteschön kommen denn dann die Widerspruchsmomente her?! Wäre diese dann nicht per definitionem in sich konsistent und widerspruchsfrei? Schon das alleine ist das fundamentalste Widerspruchsmoment, das aber kaum jemand kennt und erkenntnistheoretisch bewertet, denn: Ein funktionierendes Universum kann nicht in sich widersprüchlich sein, auch wenn wir(!) diese Momente zu disputieren neigen!

Trotzdem scheint es diese Probleme als Teil dieses Universums zu geben, denn schließlich sind wir inklusive unseres Wissens ein Teil dessen. Trotz aller Wissenschaftlichkeit erscheinen sie aber bis heute unlösbar. Entweder wir haben uns irgendwie durch entsprechende Interpretationen arrangiert, oder isolieren uns mit der geglaubten Wahrheit gegenüber anderen Ansichten oder Disziplinen und pflegen damit die Widerspruchsmomente auch noch. Was also läuft hier falsch? Offenbar scheinen wir kollektiv nicht in der Lage zu sein unsere Widerspruchsmomente sauber aufzulösen. Kann es daran liegen, dass wir zusätzlich zu unserem öffentlichen Paradigma der Universalrealität einfach zu eindimensional zwischen den Extremen der als richtig erachteten Wahrheiten, oder besser: Richtigkeiten hin und herdenken? Zumindest lassen sich bei uns drei prinzipiell unterscheidbare Strategien festzustellen, wenn es darum geht die Widerspruchsmomente anzugehen. Machen wir uns diese an einem Beispiel klar.
Diskurs:
Erste
Strategie:
Zwei Menschen A und B versuchen eine Erscheinung der Welt zu erklären. Typischerweise zeigen diese Entität zwei scheinbar unvereinbare Ausprägungen. Zu nennen wären hier die ART und die Quantenmechanik, der freie Wille unseres Geistes und der Determinismus der Materie, aber auch rein religiöse Weltsichten und politische Einstellungen und viele Alltagsdifferenzen mehr, zeigen diese Situation. Es ist der Urgrund des Entzweiens und Auseinandersetzens, des Hasses und der Kriege. Beide Personen sind aus dem tiefen Paradigma an ihre jeweils unterstellte, universale Realitätsausprägung völlig mit ihrer spezifischen Sicht der Dinge verbunden. Mehr noch, und das kennen wir alle: Jede Person sieht in der jeweils anderen Position nicht nur die Sachproblematik, sondern, wenn es gar um rein auf Sprachlogik basierende Weltsichten oder ethische Wertesysteme geht, ursächlich den Menschen zusammen(!) mit seiner Kultur als Identität, der dieses vertritt, ohne die mögliche Differenzierbarkeit zwischen Person, Kultur und Sache darin wahrzunehmen (wieder: unvollständiges Denken). Beide kennen zwar auch die jeweils andere Sicht, aber suchen das Widerspruchsmoment aus dem eigenen, eben inneren Standpunkt heraus zu lösen. Das alleine widerspricht schon von vorn herein dem Gödelschen Unvollständigkeitstheorem. Dieser Standpunkt ist dann in aller Regel das individuell absolutierte Bezugssystem, aus dem heraus die oder des Anderen Realität, in die auch jener definitiv und evident, für sich, eingebunden ist, bewertet wird im Sinne von: »Meine Realität ist realer als deine; und diese, meine, hat den absoluten Wahrheitsanspruch finaler Gültigkeit für alles und jeden und ist deshalb die(!) Universalrealität!«. Jeder kennt dieses oberflächliche, eindimensionale Denken und Werten, von der eigenen Egozentrie in das Sein vor den Sinnen ausgehend, aus eigenem Lebensverlauf. Wie man anhand der Geschichte und dem Verlauf solcher typischer Einstellungen leicht feststellen kann, kommt es so einfach zu keiner Lösbarkeit von Widersprüchen, weil sich beide Seiten unvereinbar zeigen und ihre Kräfte in endlosen Debatten vergeuden. Dabei hat jeder »für sich gesehen«(!) Recht im Sinne dessen, dass er doch »nicht vorsätzlich«(!) Falsches denkt und portiert; allerhöchstens sein Denken eben unvollständig, weil halt zu spezifisch ausspezialisiert ist. Beide übersehen dabei, dass ihr jeweiliges Denken einem gemeinsamen Ursprung oder einem gemeinsamen einbettenden und allgemeineren gültigen System entspringt; entspringen muss, das (vertikal!) unter der eindimensionalen Linie der beiden Endpositionen steht. Jeder findet Argumente gegen die jeweils andere Position (»was nicht sein darf, das nicht sein kann«?!) und, leider allzu oft mit der Verwechselung von Sache und Person, »gegen den(!) Anderen«. Wie auch immer, das Widerspruchsmoment bleibt irgendwie scheinbar als einzige Evidenz erhalten, so als wenn es nichts anderes; völlig anderes geben könnte, denn nach wie vor gibt es ja diesen Anderen und dessen andere Sicht der Dinge. Keiner von beiden wird, wenn er seine eigene Überzeugung auch noch in einem isolierenden Glaubensakt innerer Subjektion verankert hat, den Teufel tun und seinen Standpunkt einfach aufgeben, schon gar nicht, wenn es auch noch (scheinbar!) evidente Nachweise beider Ausprägungen gibt. Warum sollte er auch, erlebt er doch seine Weltsicht als völlig evident und richtig. Das folgende Bild zeigt diesen typisch menschlichen Zustand.
 

Erste Strategie
 
Jede Seite A und B erlebt die jeweils andere zur eigenen Weltsicht aufgrund des eindimensional codierten »entweder-oder«-Denkens als Widerspruchsmoment. Ein Außen wird von vorn herein paradigmatisch ausgeschlossen, weil des Jeweiligen unterstellte Universalrealität kein Außen zulässt!

Die Frage stellt sich: Ist diese Unlösbarkeit ein in der Welt des Seins verankerter Fakt; einem verborgenen Naturgesetz gleich, oder ist das lediglich ein menschengemachtes Phänomen. Schon hier eröffnet sich ein mögliches Hinterfragen, das kaum in den öffentlichen Diskursen festzustellen ist. Wir tun alle so, als wenn unser Denken über die Dinge mit diesen Dingen eine Identität ist; als wenn wir einen unmittelbaren Zugang zu den Dingen hätten. Ein erkenntnistheoretisch bewusstes Herangehen, dass das zu differenzieren weiß und expressis verbis in das Denken und Werten mit einbeziehen würde, ist kaum nachzuweisen. Und so diskutiert man eindimensional codiert ewig zwischen »entweder« und »oder« hin und her, und kommt, selbst wenn man aus Synergiegründen dabei zusätzliche Erkenntnis gewinnt, zu einer für beide Positionen sinnreichenden Lösung nicht wirklich weiter. Im Gegenteil, aus der Synergie leitet jede Seite immer mehr Argumentationspotential für den eigenen Standpunkt ab und so entfernen sich beide Lager auf der eindimensionalen Strecke des Denkens mit einer nicht mehr vordergründig bewusst wahrgenommenen »entweder-oder«-Unterstellung immer weiter voneinander. Dem Erkenntnisfortschritt der Sache selbst ist das nicht dienlich.

Wir müssen endlich erkennen, dass die erfahrbaren, ontologisch evidenten Dinge und die epistemischen Interpretationen oder Modelle auf beiden Seiten der eindimensionalen Linie vier(!) differenzierbare Systeme eigener systemimmanenter Realitätsausprägungen ihrer jeweils eigenen, inneren Entitäten sind: Zwei Modelle und zwei Bereiche des Seins, wobei Modell und betrachtetes Sein eben keine Identität zueinander sind! Man kann sie nicht einfach zu einer, typischer Weise polarisierten, einseitigen Universalrealität zusammenwürfeln. Sie müssen erweitert, verallgemeinert und somit im Gödelschen Sinne vervollständigt werden zu einer differenzierenden Sicht auf das jeweilige, betrachtete System. Nur so haben wir überhaupt eine Chance erkennen zu können, wie sich alles zueinander bedingt und in systemischem Bezug steht.
 
Zweite
Strategie:
Eine dritte Person C beobachtet nun das eindimensional codierte »entweder-oder« Denken und Treiben der beiden Positionen A und B und versucht sich darin, einen Kompromiss zwischen den Extremen zu formulieren. Sie bezieht eine zwar scheinbar unabhängige Position, aber sie befindet sich definitiv immer noch auf der eindimensionalen Denkstrecke im Probleminneren dazwischen, denn sie denkt nach links und nach rechts zu den schon bekannten Positionen hin. Letztlich bezieht auch sie einen Standpunkt, selbst wenn sich dieser argumentativ nicht in ihrem Kompromiss niederschlägt. Was soll sie denn auch anderes tun, als eine Position einzunehmen, wenn sie sich doch dazwischen befindet und scheinbar unabhängig von den Extremen nach der einen und/oder anderen Seite hin zu blickt?! Jeder Kompromiss ist ein eben solcher und nur weil dieser ausformuliert ist, hat dieser Akt als solcher ja keine aufhebende Relevanz auf die nach wie vor sehr wohl vorhandenen Extrempositionen A und B. Irgendwie, und das kann jeder feststellen, verdunstet ein Widerspruchsmoment bei solcherart Treiben lediglich zwischen den Sätzen der Kompromissargumentation. Es ist der Bereich, der oft in der Philosophie, und dort speziell im Bereich der Geistesphilosophie zu finden ist und sich je nach Kompromissposition zwischen den beiden Endpositionen in einer sogenannten »starken -« oder, zum jeweils anderen Ende hin, »schwachen Lesart« definiert. Das folgende Bild zeigt diesen typischen Zustand.
 

Zweite Strategie
 
Die Stärke des Widerspruchsmoments reduziert sich »rein verbal«(!) bis zur Unkenntlichkeit je nach Ausgangslage des Standpunktes, aus dem heraus der Kompromiss formuliert ist. Jede beliebige Person C kann nun selbst entscheiden, wo und von welcher Seite sie sich auf der eindimensionalen Strecke definiert um das Rest-Widerspruchsmoment auszuhalten.

Betrachten wir diesen Kompromissversuch erkenntnistheoretisch. Auch wenn sich dieser Dritte öffentlich und vordergründig nicht auf eine Position festlegt oder festlegen lässt, so wird er sich dabei immer bei seinem Denken auf der eindimensionalen Linie zwischen den Endpositionen hin- und her-»bewegen«. Das muss sie ja auch tun, wenn sie den Kompromiss entwickelt. Spätestens aber wenn sie eine Lesart definiert hat und eine implizite Ausgangsposition A oder B benutzt, ist ihr Denken wieder auf der eindimensionalen Strecke befangen. Unabhängig davon aber, ob sie sich nicht festlegen lässt oder eine tatsächlich, zu der einen oder anderen Seite hin affinere Überzeugung hegt, so wird sie aber immer eine, wenn auch variable mögliche Position haben, denn ohne einen solchen Bezug kann sie nicht argumentieren!

Welcher Art von Qualität haben nun diese Argumentationsversuche aus erkenntnistheoretischer Sicht? Egal wo sich der Argumentator C befindet, wird er entweder (links oder rechts von der eindimensionalen Mitte) die eine Position als Ausgangssystem der Ableitung seiner Kompromissformulierung heranziehen, oder die andere. Bei diesem Akt entsteht (auch über mehrere Personen hinweg entwickelt und bevorzugt) mehrere, im Extremen infinitesimal ausformulierte Kompromissformeln zwischen einer harten oder starken Lesart und eine weichen oder schwachen. Dieser Zustand aber widerspricht aus erkenntnistheoretischer Sicht grundsätzlichen jedweder Auflösbarkeit von Widerspruchsmomenten. Die harte Sicht ist, unabhängig zu den beiden Extrempositionen, jeweils der Standpunkt der Position selbst und in aller Regel genau die Position, die das Widerspruchsmoment gegenüber der jeweils anderen Position am deutlichsten aufzeigt. Mit zunehmender Kompromissauslegung verweichlicht der Argumentationsdiskurs zur weichen Lesart, die im anderen Extrem dazu führt, dass sich das Widerspruchsmoment irgendwie zwischen den Zeilen logischen Formulierens auflöst. Jeder kann dann, so mehrere Zwischenpositionen an Lesarten formuliert sind, seinen Standpunkt beziehen, wo er für sich das Widerspruchs-Rest-Moment noch verantworten kann. Gerade die Philosophie des Geistes ist voll von solchen Lesarten. Aber: Sind dieserart Ansätze hinreichend das Widerspruchsmoment aus der Welt zu schaffen, indem es zur weichen Lesart hin einfach mehr oder weniger geschickt wegformuliert wird? Keine dieser Lesarten hat das jemals in einem ontologisch evidenten(!) Sinne bewirkt! Schade nur, dass das kaum jemandem auffällt und grundlegend die Erkenntnistheorie bemüht. Wieso auch soll denn das bloße Vorhandensein einer Kompromissformel ein Widerspruchsmoment lösen können bzw. aus der Welt schaffen, so, als hätte es das nie gegeben?! Diesem ist das doch völlig egal, denn nach wie vor gibt es die jeweiligen Extremstandpunkte, die das Widerspruchsmoment zum anderen Standpunkt hin offenbaren. Wie heißt es so schön?: »Was kümmert’s die Currywurst, das sie nach Curry schmeckt.«). Wie auch immer, letztlich stehen auch diese Argumentatoren im Banne der eindimensionalen Denkart; entweder »entweder-oder« oder Kompromissformel mit dem Wegdiskutieren. Niemand kann so eine Lösung finden, wenn die übliche, fast schon peinliche Eindimensionalität des »entweder-oder«-Denkens zwischen zwei Standpunkten nicht durch Erweiterung, zu Gunsten allgemeinerer(!) Ansichten und Wissenssystemen hin, aufgegeben und gleichermaßen vervollständigt werden.
 
Dritte
Strategie:
 
Bevor wir aber zur Lösung kommen (die Aufgabe des eindimensionalen Denkens ist nur eine der Voraussetzungen!), vorerst noch eine vierte Person D, mit einer weiteren, aber immer noch eindimensionalen Strategie: Die Suche nach dem vermuteten »verborgenen Naturgesetz«, das dieses Widerspruchsmoment portiert bzw. sozusagen durch die Hintertüre begründen könnte. Diese Person versucht nun nicht den Kompromiss, sondern das zum Extrem getriebene Herauspräparieren des Widerspruchsmoments selbst. Sie versucht das Moment als solches, an und für sich herauszupräparieren, wo die Erscheinung zwischen den sich widersprechenden Momenten hin und her kippt. Die Quantenexperimente sind hier wieder die besten Beispiele. Aber leider-leider, mit dieser Strategie tritt das Widerspruchsmoment nur umso deutlicher hervor. Warum sollte es auch anders, ist es doch ein solches, das seine ganz eigene und ganz normale, evidente Natur zwischen den Extrempositionen (der Modelle und nicht der als identisch unterstellten Natur des Beobachteten!) repräsentiert, wenn, ja wenn man eindimensional versucht die Extrempositionen gegeneinander zu stellen.
 

Dritte Strategie
 
Die Stärke des Widerspruchsmoments tritt umso deutlicher und härter hervor, je weiter man das Moment des Kippens zwischen den Extrempositionen herauspräpariert.

Auch diese letzte Strategie birgt keine wirkliche, erkenntnistheoretische Lösbarkeit von Widerspruchsproblemen. Wieder kann nur das »vertikale Hinabtauchen« zu allgemeineren Wissenssystemen hin, sozusagen als zweite Dimension des Denkens und Wertens, aus dem beide Extrempositionen gleichermaßen hervorgehen, eine Lösung bieten. Bei allen Widerspruchmomenten: Es gibt sehr wohl ein paar Erkenntnisse solcher Art, wo schon alleine das erkannte Vorhandensein des allgemeineren Systems erkennen lässt, wie sich ein bestimmtes oder mehrere ähnliche Systeme durch Spezialisierung aus der allgemeinen Gültigkeit verabschieden um nachgerade, für uns Erkenntnis-suchende Wesen scheinbar unvereinbar gegenüberzustehen. Je spezifischer ein System ist, ob natürliches System oder Wissensystem, um so weniger zeigt dieses Allgemeingültigkeit. Das ist der Kern aller Widerspruchsmomente und muss so sein. Wir übersehen, dass jedes System für sich seine eigene, gegenüber der Allgemeinheit differenzierbare, systemimmanente Realitätsausprägung hat, die sich aus den inneren Entitäten zusammensetzt und die nur, und nur »dort« ihre Gültigkeit haben! Dort bestehen dann spezifische Entitäten, die eben nicht mehr übertragbar sind oder eine vollständige Gültigkeit haben in dieser, unserer unterstellten »Universalrealität«, die es (auch deshalb!) einfach nicht geben kann.
 
Resümee:
Also: Keine der drei eindimensionalen Denkstrategien,

- die erste, mit den beiden Personen A und B, die sich unvereinbar gegenüberstehen,

- die zweite, mit den beiden Personen Ca und Cb, die sich je von einer harten zu einer weichen Lesart des Problems leiten lassen und das Widerspruchsmoment mehr oder weniger wegdiskutieren, und

- die dritte, mit dem Versuch das vermutete verborgene Naturgesetz zu entlarven ohne das es ein Beispiel gibt, wo das je funktioniert hätte,

birgt eine erkenntnistheoretische Grundlage, die ein Widerspruchsmoment überhaupt lösen könnte; »lösen könnte« im Sinne von »es ist keines mehr«, weil es nicht mehr existiert. Ein vorhandenes Widerspruchsmoment bzw. -problem zwischen zwei Positionen ist nicht einfach durch eine wie auch immer geartete Weltsicht aus der Welt zu schaffen, nur weil es diese Weltsicht gibt.

Eigentlich machen wir Menschen immer denselben Fehler unvollständigen Denkens: Wir tun so, als wenn unser Denken über die Dinge wieder diese Dinge selbst sind; diese Dinge im Sinne einer Identität repräsentieren. Und mit dieser Überheblichkeit urteilen wir dann über die Widerspruchsmomente dahingehend, dass wir diejenigen sein könnten, die durch bloßes Definieren von irgendwelchen Theorien für Ordnung im Universum sorgen könnten. So, als wenn wir die Definitionshoheit über die Naturgesetze hätten. Diese Ordnung besteht längst und die Widerspruchsprobleme (nicht: »Widerspruchsmomente«!) sind rein menschengemacht! Wir versuchen damit im Umkehrschluss lediglich der Natur der Dinge eine Identitätsevidenz überzustülpen. Ein typisch zentralistisches Verhalten, das endlich aufgegeben werden sollte. Doch dieser uns einbettenden Natur ist das völlig egal wie wir darüber denken. Wie schon erwähnt: »... Currywurst ...«! Die unterstellte Universalrealität und eindimensionales Denken erfüllen sich wechselseitig leider zu einem höchst effizienten Bund gegen jedweden Erkenntnisfortschritt.

Nein, so kommen wir nicht weiter, denn das heißt nicht, dass es keine Lösbarkeit gibt. Wir sind es, die hier auf falschen Voraussetzungen stehen bzw. uns wegen extremer Unvollständigkeit des Denkens von einer Lösung entkoppeln, denn: Es gibt eigentlich nichts zu lösen! Die Natur ist(!) längst gelöst, weil sie sich ganz einfach systemisch strukturiert. Die Lösung der Widerspruchsprobleme liegt ganz banal darin, die Natur so zu erkennen, wie sie eben gewoben ist. Man kann nichts lösen, was zur ganz normalen Evidenz des Seins gehört, indem man versucht es zu »kneten«. Nicht die Natur muss sich unseren Theorien anpassen, sondern wir müssen unsere Theorien kongruent zur Natur definieren. Und schon passt alles, denn die Dinge sind so, wie sie eben nun mal sind.

So gesehen hat jeder, in seinem Denksystem bzw. seiner Weltanschauung recht und sieht die eigene weltanschauliche Richtigkeit, aber nur für sich und in seiner Weltsicht. Dieser höchst liberal-ethische Gedanke steckt somit regelrecht als Naturgesetz schon drinnen im Universum und lässt sich beliebig in alles und alle zwischenmenschlichen Momente übertragen. Das Spezielle geht aus dem Allgemeinen hervor, begründet sich darin und ist genauso wie das Allgemeine als System zu erkennen und zu bezeichnen. Das damit eine Entkopplung von der Allgemeingültigkeit einhergeht, die nicht übertragen oder schon gar als Urteilsgrundlage über Andere und Anderes herangezogen werden kann, ist systemisches Prinzip des Seins. Der Natur sind die Widerspruchsmomente zweier spezialisierter Systeme völlig egal, weil sie in einem einbettenden System koexistieren. Nur wir sind in der Lage diese herauszuisolieren und zu Widerspruchsproblemen zu machen, die dann zu einer Scheinlösung probiert werden müssen, obwohl es in der Natur, dazwischen, keine solche gibt. Insofern sind unsere Ansätze durch unser eindimensional codiertes Denken andauernd dabei, dass sich unsere Modelle über die Natur zunehmend von dieser entfernen. Die Kongruenz von Theorie und Evidenz geht zunehmend verloren. Wen wundert’s da, dass unser Wissen nicht umfassend und vollständig stimmt, was nachgerade und zwangsläufig aus psychologischen Gründen das typische Isolationsverhalten üblicher Weltsichten und auch wissenschaftlicher Disziplinen hervorruft. Wir müssen lernen davon Abstand zu gewinnen, als wenn alles Sein in einer universalrealen, strukturlosen Suppe von Umwelt oder Universum herumschwimmt, so als wenn es nur eine Ebene mit seinen vielen, eindimensional gegenüberstehenden Weltsichten gäbe. Jede Sicht hat »für- sich« Recht und ist »in-sich« völlig real, man muss es nur dabei belassen. Man muss verstehen, dass beide Sichten aus einem gemeinsamen, darunter liegenden Urgrund hervorgehen und in diesen eingebettet sind; das ist die zweite Dimension des Denkens. Es ist ein ganz normaler Fakt im Universum und bestätigt sich voll und ganz aus unserer Erfahrung mit dem Sein. Wir müssen lernen, dass eine Entität zu ihrem System gehört und dort(!) ein Teil dieser(!) Realität ist. Schon bestehen keine Widerspruchsprobleme mehr.
 


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