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These 5

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Die Systemtheorie sollte für das tiefere Verständnis der Thesen inhaltlich bekannt sein (siehe Navigationsleiste).
»Handeln und Willkür«

  oder »Kann ich tatsächlich tun, was ICH will?«


These: Willkür als Teil unseres Bewusstseins ist eine, wenn auch sinnvolle Vortäuschung des Gehirns!

Diese These baut auf den vorherigen Thesen und im Besonderen auf der These 3 auf. Sie müssen zur Vermeidung von Wiederholungen hier verständnismäßig vorausgesetzt werden.


Prolog:

Willkür, definiert als die absolut akausale, vom Universum unabhängige und indeterministische Denk- und Handlungsfreiheit, ist genauso wie das Bewusstsein eine extrem evidente Erfahrung mit uns selbst. Sie ist dermaßen stark ausgeprägt, dass man schnell an seine Fassungsgrenze gerät, wenn das jemand versucht als »Illusion« oder »Selbstbetrug des Gehirns« zu begründen. Das muss noch nicht einmal religiös motiviert sein, hat man doch das Gefühl, dass einem jemand die Selbstständigkeit und Willenfreiheit als unterste Basis der Überlebensfähigkeit und des Selbstwertgefühls aberkennen will.

Als die »Königlich Norwegische Societät der Wissenschaften« Anfang der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts die Frage stellte: »Lässt sich die Freiheit des menschlichen Willens aus dem Selbstbewusstsein heraus beweisen?«, meldete sich Arthur Schopenhauer (1788-1860) mit seiner Arbeit »Über die Freiheit des menschlichen Willens« am Anfang des Jahres 1839 zurück und ging unter vielen Einsendungen als Sieger daraus hervor. Er beschrieb in seiner Arbeit die Unmöglichkeit eines beweisenden Charakters am subjektiven Freiheitsgefühl der eigenen Handlungsentscheidung. Wie man sieht, ist diese Fragestellung, so wie viele in der Philosophie, schon sehr alt und nach wie vor unbeantwortet.

Unsere Logik auf Grund der wissenschaftlichen Erkenntnisse lässt uns bis heute einen deutlichen Widerspruch zu unserer ontologischen Erfahrung erkennen. Irgendwie aber scheinen wir, wie oben begründet, nicht bereit zu sein, diesen unseren egozentrischen Standpunkt unter Kritik zu stellen. Trotzdem ist festzustellen, dass das zunehmende Wissen über die Dinge immer mehr in diese Richtung zeigt, und wir Menschen werden zwangläufig immer deutlicher damit konfrontiert entweder unser fast gesamtes Wissen oder unsere Erfahrungsevidenz in Zweifel zu stellen. So zumindest die übliche Denkweise: entweder, oder. Wie also könnte die Lösung aussehen? Wie könnte diese höchst evidente Weltempfindung unserer Handlungswillkür als Faktum und Realitätsentität erhalten bleiben und trotz vordergründiger Widersprüchlichkeiten hintergründig eingebettet werden in ein Gesamtkonzept von wissenschaftlicher Erkenntnis und evidenter Selbsterfahrung?
Diskurs:
Gehen wir jetzt auf den Begriff »Willkür« näher ein, und fragen uns, wie wir diese empfinden. Willkür wird von uns auf zweierlei Weise empfunden. Da gibt es zum Einen die Situation, dass uns von außen ein Reiz oder Signal (z.B. dass das Telefon klingelt) zu einer Handlung nötigt. Wir gehen zum Telefon hin und führen ein Gespräch. Wenn wir im Alltagsgeschehen nicht bewusst über unser Tun nachdenken, so läuft der oben beschriebene Vorgang im groben immer gleich und ganz und gar mechanisch ab. Trotzdem sind wir geneigt zu sagen, dass wir(!) das so gewollt haben. Nachdem das Telefonklingeln einen äußeren Reiz dargestellt, löst dieser in Folge einen inneren Reiz aus, der uns zu einem gewollten(?) Handeln bewegt. An dieser Stelle können wir jetzt willkürlich(?) entscheiden, ob wir zum Telefon gehen und das Gespräch führen wollen oder nicht; oder was ganz anderes tun wollen. Dies ist die zweite und viel stärkere Weise, wie wir Willkür empfinden: »Wir haben die Entscheidung, zu tun, was wir wollen!« Genau das bestätigt dieses Lebensgefühl, dass wir uns sozusagen neben dem Universum stehend, in einer sonderbaren, von den Vorgängen um uns herum unabhängigen Situation zu befinden glauben. Das möchte ich an einem Beispiel erläutern:

Ein behäbiger Menschentyp, der in seinem Leben keine sonderlichen Konflikte hat austragen müssen, steht an einer Bushaltestelle und wartet auf den Bus nach Hause. Der Tag war erfolgreich verlaufen und er hatte sich nicht ärgern müssen. Kurzum, seine innere Situation strotzt vor Ausgeglichenheit. Ein aggressiver Mensch kommt des Wegs und gibt unserem ausgeglichenen Herrn unerwartet eine Ohrfeige, weil ihm gerade danach ist. Was wird die wahrscheinlichste Reaktion sein?

Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten: Erstens, er schlägt zurück oder Zweitens, er steht verblüfft da, hält sich die Wange und versteht die Welt nicht mehr. Die Zwischenvarianten lassen wir einmal außen vor. Ich persönlich würde die zweite Version als wahrscheinlicher ansehen. Wenn der ausgeglichene Herr in unserem Beispiel aber ein junger, dynamischer Bursche ist, der selbst durch seinen Charakter schon Konflikte angezettelt und durchgestanden hat, so würde ich die erste Version mit »Zurückschlagen« wahrscheinlicher sehen.

Versetzen wir uns jetzt einmal ganz bewusst in die diese Situation. Durchleben wir sie in unserer Fantasie und fragen uns, warum es überhaupt eine »wahrscheinliche« Reaktion gibt? Warum ist die menschliche Reaktion in einer solchen Situation nicht jedes Mal anders mit einer Unmenge denkbarer, qualitativ(!) anderer Reaktionen. Ich meine hier nicht, dass unser Opfer mit tiefem Luftholen oder ohne reagiert, sondern mit deutlich anderem, unwahrscheinlichem Gebaren, wie zum Beispiel: einmal im Kreise drehen und dabei Singen. Versetzen wir uns selbst in die Lage des Opfers, so stellen wir fest, dass eine solche, unwahrscheinliche Reaktion so gut wie unmöglich ist. Sie ist zwar denkbar, aber das ist nur hypothetisch. In der reellen Situation werden wir mit der wahrscheinlichsten Handlung reagieren. Wenn wir uns trotzdem realistisch vorstellen, in einer solchen Situation auf einem Bein zu hüpfen, Hänschenklein zu singen und, um das Maß der Übertreibung voll zu machen: anstatt mit dem Bus nach Hause zu fahren, anschließend nach Hause kriechen, so stellen wir fest, dass dies eigentlich und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unmöglich ist. Welch gigantischer, innerer Kraftaufwand würde in solch einer Folgereaktion liegen. Es würde uns viel Überwindung kosten, so etwas sinnloses und unangemessenes zu tun.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass nicht jede denkbare, qualitativ andere Reaktion aus Willkürlichkeit heraus gleichwertig möglich ist. Die Willkür, die zu einer Handlungsentscheidung führt, unterliegt somit nicht generell unserem freien Willen. Es gibt Zwänge die unsere willkürliche Freiheit stark überlagern und uns zu wahrscheinlichem Handeln drängen, auch wenn uns das manchmal im Nachhinein nicht lieb ist. Viele von uns, die einen festen, sozial gesicherten und ausgewogenen Lebensstandard haben, wissen, wie schwer es sein würde, anstatt nach der Arbeit nach Hause zur Familie zu kommen, einfach alles ohne eine Nachricht zu verlassen um nie mehr zurückzukommen. Obwohl, in Einzelfällen ist diese unwahrscheinliche Handlung schon vorgekommen. Man kann davon ausgehen, dass diese scheinbar(!) unwahrscheinliche Handlung wohl eben die im Einzelfall Wahrscheinlichere war, weil die Randbedingungen, die zu dieser Handlung führten, nur diese »sinnvolle« Handlung zuließ.

Wir sehen hieraus, dass die freie, willkürliche Handlungsentscheidung, die wir Menschen zu haben glauben, im Kern, wenn diese von der wahrscheinlicheren, denkbaren Handlungsvariante abweicht, uns eigentlich nicht zur Verfügung steht. Selbst wenn wir uns in unserer Fantasie vorstellen können, den unwahrscheinlicheren Weg zu gehen, werden wir dies in der Realität niemals tun.

Nun, diese Beispiele sind noch keine Beweise für oder gegen die Willkür, denn in unserer Selbstwahrnehmung ist die Willkür evident und somit, auch im Sinne der vorangegangenen Thesen völlig real! Ich möchte noch einmal betonen, dass ich die Willkür nicht in Abrede stellen will! Noch einmal: Ich leugne nicht die ontologische Realität, wie wir sie erleben, sondern differenziere lediglich systemindividuelle Realitäten. Aber sehen wir erst einmal weiter:

Wie können wir uns analytisch der Willkür nähern und fragen jetzt: Wo in unserem Gebaren liegt echte Willkür im oben definierten Sinne vor? Bevor wir zur Erläuterung kommen muss in Anbetracht der vorherstehenden Thesen bestimmt sein, dass das Folgende ausschließlich auf dem Standpunkt der Generatorrealität unserer Selbst- und Weltwahrnehmung heraus beschrieben ist. Bis hier ist es noch nicht notwendig systemtheoretische Realitätsdifferenzierung einfließen zu lassen. Wir bewegen uns auf der Basis der üblichen Universalrealitätssicht und werden feststellen, dass selbst hierbei schon kaum eine Möglichkeit besteht, die Willkür zu extrahieren, wo sie denn sitzt im Gebaren von uns Menschen. Im Prinzip ist das genau die Basis, auf der schon Schopenhauer seine Arbeit ausformuliert hat.

Eine Reflexhandlung, wie z.B. die Notbremsung beim Autofahren können wir getrost schon ignorieren, denn hier liegt bestimmt keine Willkür vor. Wir können also weiterdefinieren: Willkür stellt einen mehr oder weniger bewussten Denkprozess voraus; und weiter: Die Handlung kann auch ein »willkürlich folgendes« Weiterdenken sein. Auch der Denkprozess selbst ist ja unstrittig ein Gebaren.

Es stellt sich weiterhin die Frage: Was ist den eine Handlung?

Wenn man sich fragt, warum man eine (scheinbar willkürliche) Handlung so und nicht anders durchgeführt hat, so bin ich sicher, dass sich jeder diese Frage letztlich mit der Aussage beantwortet: »Weil ich Lust dazu hatte. Ohne diese Lustempfindung hätte ich es nicht (so) gemacht!« Kritiklos nehmen wir hin, dass die Lust unser Handeln bestimmt. Warum sollten wir auch darüber nachdenken, da die Handlung doch zu einer Befriedigung und nicht zu Unwohlsein führt? Die Lust scheint oberste Instanz für unser Gebaren zu sein. Aber ist das wirklich so? Lässt sich der Lustbegriff als auslösendes Moment zu einer Handlung zitieren? ... Nein! Lust setzt erst viel später ein, wie wir erkennen werden.

Schopenhauer bringt hier den Begriff der Motivation ein. Mal ganz ehrlich, können Sie sich erinnern, einmal in Ihrem Leben entgegen Ihrer inneren Motivation gehandelt zu haben? Ich kann es nicht! Und wenn, dann mit einer riesigen Kraftanstrengung, weil ein Zwang von außen geherrscht hat. Das aber hat mit Frust und nicht mit Lust zu tun, weil das eigene Lustgebaren aktiv unterbunden wurde. Weiterhin gibt es noch den Begriff der Befriedigung. Wann setzt diese ein? Oder ist sie nur ein anderer Ausdruck für Lust? Wie man sieht, dürfte eine Handlung ein ziemlich komplizierter Vorgang sein. Deshalb ein weiteres Beispiel, auf dem wir dann die folgende Analyse begründen:

Eine Person sitzt abends vor dem Fernseher und sieht sich einen schönen Film an. Urplötzlich schießt ein Gedanke durch den Kopf: Erdnüsse! Unvermittelt steht die Person auf (die Szene im Fernseher ist momentan nicht so interessant), geht in die Küche, öffnet den Schrank, sieht die Packung Erdnüsse und greift sie. Danach geht sie zurück in das Wohnzimmer, setzt sich an den alten Platz, öffnet die Packung, schüttet einige Erdnüsse auf die Handfläche, führt diese mit einer gekonnten Bewegung in den Mund und beginnt genussvoll zu kauen. Jetzt erst konzentriert sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen im Fernseher.

Dies ist eine typische Situation, wie wir sie so, oder so ähnlich, selbst schon oft erlebt haben. Versuchen wir die Analyse, um zu sehen, wann die Lust und wann die Befriedigung einsetzt, wo eigentlich die Motivation und noch viel wichtiger: die Willkür steckt.

Am Beginn der Handlung schießt der Gedanke »Erdnüsse« durch den Kopf oder analytisch besser: die Empfindung(!) einer Vorstellung von spezifischer Geschmacksnervenbefriedigung. Nicht das Wort ist es, sondern ein spezifisches Empfinden! (Nebenbei bemerkt ist das ein typisches Beispiel, wie wir einen Begriff mit dem Inbegriff dessen als identisch unterstellen, und das tun wir zu oft. Die Folge aus diesem dogmatischen Umgang mit Sprache ist das Unvermögen erkenntnistheoretischer sauberer Analyse.) Aber zurück zu Thema mit der Frage: Liegt hier schon Lust vor? Eigentlich nicht, denn dies ist ja noch kein Handeln; keine Bewegung. Ab wann empfindet man in dieser Situation eigentlich Lust? Im Moment, wenn sich die ersten Muskeln zu einer zielgerichteten Bewegung spannen, setzt die Lust ein. Nichts ist da, was die einmal begonnene Aktivität stört. Wäre dies der Fall, so würde jeder wohl mit innerem Unlustempfinden reagieren: »Muss der oder das mich jetzt stören!«, denkt man dann. Blitzartig hätte man Frustempfinden, das je nach momentaner Laune und Situation mehr oder weniger ausgeprägt ist. Frustempfinden setzt also mit der erzwungenen Unterbrechung der zielgerichteten Aktivität ein.

Die Lust steigert sich, je näher man an sein Ziel kommt. Mehr oder weniger schnell geht die Lust dann in Befriedigung über wenn das Ziel erreicht ist. Im obigen Beispiel, wenn die ersten Erdnüsse die Geschmacksnerven stimulieren. Die Lust ist also aktiv, solange man die Befriedigung vorbereitet(!) und zielgerichtet daraufhin tätig wird. Man erkennt hier schon, dass mindestens zwei Phasen vorliegen: Die Lustphase und die Befriedigungsphase. Die Antwort auf eine Frage des »warum man tätig geworden ist«; warum man die Handlung begonnen hat, ist nicht mit der Lust danach zu beantworten, da diese erst mit dem Aufspringen und zur Küche gehen beginnt. Was also liegt vorher für ein Zustand vor; welche Phase der Handlung? Es ist der Zeitbereich vom Beginn des Gefühls bis zum Beginn des Aktivwerdens. Hier ist jetzt der Moment gekommen, wo man den Begriff der Motivation heranziehen muss. Sie ist das auslösende Moment zur Aktivitätslust.

Im obigen Beispiel steht in Klammern, dass die Szene im Fernseher momentan nicht so interessant ist. Was wäre, wenn diese Szene ein so hohes Interesse erzeugt, dass man den Beginn der Handlung zum Nüsse holen hinausschiebt? Es kann wohl jeder nachempfinden, dass man in der Zeitphase, wo das Interesse an der Fernsehszene höher ist als an den Erdnüssen, mit Sicherheit kein Frust entsteht, und die Lust noch nicht eingesetzt hat. Die Szene im Fernseher ist aber auch zu spannend. Das motivierende Gefühl an die Erdnüsse bleibt verschwommen im Hintergrund, bis das Interesse und damit die Befriedigung an der Szene kleiner geworden ist, als die Lust zur Befriedigung der Geschmacksnerven. Die Motivationsphase bleibt erhalten und verlängert sich, bis die Handlung beginnt oder bis der andauernde Einfluss einer anderen Befriedigung (der Fernsehszene) die Motivation wieder abklingen lässt. Man hat den Wunsch nach Erdnüssen vergessen ohne einen Frust erlebt zu haben.

Wir fassen zusammen und definieren: Eine Einzelhandlung besteht aus den drei Phasen »Motivation, Lust und Befriedigung«. Alle drei Phasen zusammen ergeben ein »Handlungselement«.

In der Realität läuft unser Gebaren natürlich nicht immer so schön, in sich abgeschlossen, als Folge isolierbarer Handlungselemente ab. Es sind starke Verschachtelungen vorhanden. Je mehr es sind, desto schwieriger wird eine Unterscheidung der Handlungselemente sein. Bei komplexem Gebaren vermischen sich die drei Phasen und werden sich auch untereinander beeinflussen. Wir wissen alle, dass eine Handlung nicht immer zum Ziel; zur Befriedigung führt. Wenn wir erleben, dass die Lustphase der Aktivität gestört ist und die Befriedigung am Ende der Lustphase in Frage gestellt ist, dann empfinden wir Frust. Der umgekehrte Fall ist genauso denkbar. Unser andauerndes Gebaren ist aber trotzdem prinzipiell in elementare, also nicht weiter zerlegbare Handlungselemente unterscheidbar, auch wenn wir das nicht immer erkennen können.

Beleuchten wir die drei Phasen jetzt einmal genauer und versuchen zu erkennen, welche Phasen eines Handlungselements von uns aktiv, und welche passiv von uns ausgeführt werden. Fragen wir uns, ob die jeweilige Phase von uns aus reiner willkürlicher Entscheidungsfreiheit so und nicht anders abläuft. Fangen wir mit der letzten: der Befriedigung an.

Die Befriedigung ist eine Situation, die sehr emotionell ablaufen kann, aber auch mit ruhiger Gelassenheit. Sie kann zeitlich kurz aber auch lange sein. In jedem Fall aber ist diese Zeitzone geprägt von reinem Empfinden und wir lassen uns von ihr kritiklos und frei davontragen. Wir empfinden die Befriedigungsphase genau so, als hätten wir eigentlich nichts dazu beigetragen. Wir genießen den zeitlichen Ablauf und fühlen uns wohl. Die Aktivität, die vorher notwendig war, um die Befriedigungsphase einzuleiten, scheint vergessen, auch wenn diese sehr viel Kraft gekostet haben mag. Ganz eindeutig liegt hier keine aktive Handlung mehr vor. Wir verharren solange passiv, bis das Empfinden von sich aus abklingt und wir uns neuen Handlungen zuwenden können.

Die Befriedigungsempfindung scheinen regelrecht von »außen« auf unser Bewusstsein einzuströmen; als erhielten wir etwas von jemand oder etwas Anderem. Sie lässt sich nicht bewusst ohne Handlung einfach aus dem Nichts heraus, also ohne vorhergehende Aktivität erzeugen. Stellen Sie sich einmal vor, das wäre möglich. Die Folge wäre doch, dass wir wahrscheinlich sofort aussterben. Wir würden uns im Extremfall natürlich unaufhaltsam in Verzückungsempfindungen hineinversetzen und damit wäre ein sinnvolles Gebaren zum Überleben nicht mehr möglich. An dieser Stelle gilt der Satz: Ohne Fleiß keinen Preis. Man sieht, dass in dieser Phase mit Sicherheit keine freie Willkür vorliegen kann. Unser empfindendes Bewusstsein steht dabei völlig passiv neben dem Erleben. Fragen wir uns jetzt, ob in der Befriedigungsphase eine Willkür im oben definierten Sinne vorliegt, so muss und kann man eindeutig feststellen: Nein!

Wenden wir uns nun der zweiten Phase zu: der Aktivität bzw. der Lustphase. Um das Ziel der Befriedigung zu erreichen, müssen wir zielgerichtet handeln. Dabei sind mehrere, unterscheidbare Aktivitätsqualitäten möglich:
  1. Der kürzeste Weg
  2. Der optimale Weg
  3. Der Umweg
  4. Der Ausweg
Sehen wir uns die vier denkbaren Wege der Reihe nach an und versuchen zu erkennen, an welcher Stelle eine wirklich akausale, indeterministische Willkürlichkeit unseres Bewusstseins vorliegt.

1. Der kürzeste Weg:
Dies ist die rücksichtslose Variante aller Wege. Man stelle sich in unserem Beispiel vor, dass sich auf dem Weg zwischen Fernsehsessel und Küche eine moderne Glastüre befindet, welche geschlossen ist. Auf dem Weg dorthin steht ein Stuhl, den die heranstürmende Person im Laufen greift und damit die im Wege befindliche Glastüre zerschlägt, weil dies vielleicht schneller geht, um an die Erdnüsse zu kommen (vorausgesetzt das wäre so). Tausende andere Varianten eines kürzesten Weges sind denkbar. Eines aber haben alle Wege mit dieser Qualität gemeinsam. Sie unterscheiden sich von einem optimalen Handlungsweg dadurch, dass sie vom Niveau her, den Schritt unter ein sinnvolles Maß des Optimalen getan haben. Das heißt, dass auf diesem Wege eine Eigenheit der situativen Umwelt (hier die Glastüre) mehr als notwendig strapaziert wird. Kein Mensch würde im eigenen Haushalt vorsätzlich eine Glastüre zerschlagen, wenn ihn diese mehr Geld kostet, als die Erdnüsse. Das Zerstören eines Gegenstandes höheren Wertes steht in keinem Verhältnis zum Lustgewinn beim Erlangenwollen der Erdnussbefriedigung.

Sie, lieber Leser mögen jetzt sagen, dass es aber doch denkbar ist, dass ein Mensch, wirklich aus freien Stücken, mit eigener willkürlicher Freiheit in seinem Hause doch machen kann, was er will. Natürlich kann er das, aber ist es dann auch wirklich Willkür? Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir das Beispiel nicht in seinen situativen Randbedingungen abändern! Versetzen wir uns aber trotzdem in diese Situation und versuchen eine Analyse. Das Beispiel lautete: »... unvermittelt steht die Person auf und geht in die Küche ...«. Wie wir wissen, müsste sie jetzt erst eine Glastüre öffnen. Versetzen Sie sich in die Person. Sie nehmen den Stuhl und zerschlagen ... !? Was wollen Sie sich (oder dem Autor) damit beweisen, wenn Sie die Tür zerschlagen um in die Küche zu kommen? Wollen Sie sich damit etwas beweisen? Wenn ja, dann muss es einen Grund haben so zu handeln, oder?! Aber hat das noch etwas mit dem Erdnussholen zu tun? Es ist einfach kein sinnvoller Weg, um an die Erdnüsse und damit an die Befriedigung zu kommen; es ist eben nur »der Kürzeste«. Wenn dieser zwar denkbare Fall draußen in der Welt vorkommt, dann muss einfach eine weitere Motivation dahinter stecken, die mit Erdnussholen primär nichts mehr zu tun hat (wir denken noch an die Verschachtelung von Handlungselementen im alltäglichen Gebaren?). Aber unterstellen wir hier wirklich einmal die absolute Willkür. Also mir fällt hier nichts ein, was auf vernünftige, echte Willkür zurückführbar wäre. Es bleibt eigentlich nur die Suche nach dieser seltsamen Motivation übrig, was diese unwahrscheinliche Handlung bewogen haben mag. Im einfachsten Fall fragen wir doch die Person selbst. Egal mal wie, unsere (jede) Person wird in diesem Falle eine Erklärung hervorzaubern, womit sie das Geschehene begründet und sei sie noch so unlogisch! Wenn wir selbstehrlich sind, dann kennen wir das von uns selber. Lautet diese im einfachsten Fall: »Mir war danach!«, so ist das im landläufigen Sinne tatsächlich erst einmal Willkür, aber ist das eine Willkür des absolut freien Willens? Ich sage nein, denn die Antwort lässt auf ein, von der Person nicht rational begründbares, motivierendes Gefühl und damit auf eine Ursache schließen, die Sie eigentlich zwar nicht erklären kann, das aber vorhanden war, und eine Ursache haben muss, womit wir wieder am Anfang stehen! Willkür ohne Ursache, wo immer diese auch herkommen mag, ist hier einfach nicht erkennbar. Und hätte die Person tatsächlich eine Erklärung der vernünftigen Art liefern können, dann hätten wir weniger Arbeit mit der Analyse gehabt, weil sie die Ursache und damit die Motivation direkt nennt. In unserem Beispiel vielleicht: »Na, ich wollt euch halt doch beweisen, dass ich die Tür zerschlagen kann, wenn ich will.« Genau hier liegt das Problem. Sein Wille war nicht willkürlich, er hatte die Motivation, etwas beweisen zu wollen und das war ihm mehr wert als die Glastür. Ein teurer Spaß war das. Analytisch sauber muss man also feststellen, dass sich hier ein weites Handlungselement mit, vom Erdnussholen unabhängigen Phasenablaufs hineingemischt hat, dass in sich wiederum genau den Zusammenhängen unterliegt, die wir ja gerade analysieren!

2. Der optimale Weg:
Wie oben, im kürzesten Weg kurz angesprochen, ist der optimale Weg als der Weg zu definieren, dessen Aktivität so wenig als möglich und soviel als nötig, und hierbei noch den besten Kompromiss an Energieverbrauch, Kostenaufwand, Mühsal psychologischer Art, Weglänge, Zeitaufwand und was der Attribute mehr sind, bedarf. Wir werden immer bestrebt sein, den optimalen, wirtschaftlichen und rationellsten Handlungsweg zu gehen, der eben die höchste Lust erzeugt. Wie schon beim kürzesten Weg zu erkennen war, ist ein ursacheloses, willkürliches Verändern des Weges zur Befriedigung schier unmöglich, da dies sehr viel Kraft und Überwindung kostet und letztendlich eine geringere Lust erzeugt, es sei denn, man will sich oder anderen damit etwas beweisen. Genau das ist aber ein neues Ziel und entspringt einer anderen Motivation oder Ursache innerhalb eines anderen Handlungselements.

An dieser Stelle greift jetzt die Arbeit Schopenhauers. Es ist nicht vorstellbar, dass es auch nur ein Lebewesen gibt, das freiwillig einen höheren Aktivitätsaufwand treibt, wenn es davon nichts hat; was freiwillig auf den bestmöglichen Lustgewinn verzichtet. Sicherlich gibt es Leute, die scheinbar(!) Dinge tun, von denen sie nichts haben, ja regelrecht den Schaden davontragen. Man darf aber nicht glauben, dass solches Handeln kein Ziel hat. In jedem Fall ist das Ziel eine Befriedigung auf tieferer, psychologischer Ebene, die nach außen nicht immer zu erkennen ist. Selbst wenn diese Person sich dabei selbst ein Leid zufügt.

Der gewählte Weg ist eine fast von selbst eingeleitete und durchgeführte Aktivität. Wir denken in vielen alltäglichen Handlungsweisen nicht mehr kritisch nach, wie(!) wir diese ausführen. Wir lassen es auf uns zukommen und führen es aus, so wie wir es gelernt haben. Eine bewusste und selbstbestimmte, willkürliche Handlung ist das aber wieder nicht!

3. Der Umweg:
Er ist genauso zu behandeln wie der kurze Weg. Wird er bewusst ausgeführt, so ist er eigentlich identisch. Der kurze Weg war ja nur scheinbar kurz im Sinne des Zeitablaufs. Das zum Erreichen der Erdnussbefriedigung unnötige Zerschlagen der Tür, ist in Wirklichkeit ein Umweg, da er mehr Aufwand darstellt, als im kurzen Weg beschrieben. Wird der Umweg nicht bewusst ausgeführt, so stellt er den momentan, für die Person optimalen Weg dar, da sie den Optimaleren nicht kennt, sonst würde sie diesen ja gehen. Es ist denkbar, dass die Person zwei gleichlange Wege in die Küche zur Verfügung hat. Einen durch das Esszimmer, den zweiten, unmerklich längeren, über die Diele. Welchen der beiden Wege sie wählt, scheint vom Zufall abzuhängen. Sie muss natürlich einen der beiden Wege gehen, wenn sie an die Erdnüsse gelangen will.

Ich habe mich sehr lange an dieser Frage aufgehalten, um die Beweggründe zu analysieren, welche dazu führen, den Weg z.B. über die Diele zu gehen. Durch die Beobachtung meiner Familie und des gelegentlichen Besuches (es ging natürlich nicht immer nur um Erdnüsse) und anschließende Befragung der Personen erhielt ich immer wieder im Kern gleiche Antworten. Es stellte sich heraus, dass keine Person den Weg unter voller, bewusst reflektierter Kontrolle gegangen war. Alle Begründungsversuche der Personen liefen auf Punkte hinaus wie: »Beim Weg durch das Esszimmer war es heller, weil dort das Fenster ist.« oder: »Ich bin über die Diele, weil dort die Türen schon offen standen.« In allen Fällen waren die Begründungen auf äußere Reizmomente zurückgeführt, die unterbewusst die Entscheidung herbeiführten. Genau das sind aber wieder Ursachen und keine Willkür.

Aber es bleibt ja wieder der menschliche, freie Entscheidungswille. Wieder sind wir geneigt zu fühlen, dass da immer noch die eigene Entscheidungsfreiheit existiert. Wiederum kann man in der Rolle der Person sagen: »Ich gehe prinzipiell den anderen Weg, als den, den ich gerade eben unbewusst gehen wollte, sofern mir im Moment bewusst wird, dass ich das vorhatte.« Schon sind wir wieder in der Situation uns eigentlich beweisen zu wollen, dass wir immer noch machen können, was wir wollen. Aber das ist wieder eine Ursache und keine freie Willkür. Erinnern wir uns: Sich die Willkür beweisen zu wollen, heißt ein anderes Ziel haben, eine andere Befriedigung! Das ist aber ein anderes Handlungselement!

In gleicher Weise ist folgendes Szenario zu bewerten: Die Person steht auf von ihrem Sessel mit ihren Gedanken an Erdnüsse, geht z.B. durch das Esszimmer und ... geht über die Diele im Kreise zurück zu ihrem Sessel und setzt sich wieder hinein. Keine Erdnüsse geholt! Das ist ...

4. Der Ausweg:
»Was habe ich da eben getan?«, fragt sich die Person. Antwort: »Ich kann tun was ich will!« Eine sehr unwahrscheinliche Handlungsweise. Meines Erachtens unmöglich, es sei denn, sie ist mit Vorsatz ausgeführt worden (nicht mit bewusster Aktivität zu verwechseln!). Der Vorsatz aber ist zwar Willkür, hat aber eine Ursache. Man wollte die Situation so durchleben und sei es nur aus Neugier oder noch höherem Lustgewinn; oder um auszuprobieren, wie stark sich der Frust anfühlt, da der Handlungsweg abgebrochen wurde. »So, und jetzt gehe ich mir doch (auch) Erdnüsse holen,« sagte die Person (der Autor) und ging in die Küche.

Der Ausweg, also das vorsätzliche, scheinbar(!) willkürliche Nichterlangen der ursprünglich gewollten Befriedigung bzw. der damit verbundene Abbruch der gewollten Handlung und Aufnahme einer anderen Handlung hat immer eine Ursache, auch wenn diese uns nicht immer bewusst wird. Es könnte z.B. gerade das Telefon klingeln und nach dem Gespräch ist die Lust und damit die Handlung vergessen. Wir alle kennen das Gefühl: »Was wollte ich noch gerade?« Und nachdem wir wieder zum Sessel gegangen sind, ist die Szene im Fernsehen so interessant, dass wir nicht mehr drauf kommen.

Zusammenfassend ist festzustellen:
  1. Der Handlungsweg, welcher ohne bewusste Reflexion der Aktivität gegangen wird, ist immer der, aus der unterbewussten Lebenserfahrung erlernte Weg, mit dem geringsten Aufwand.
  2. Der kurze Weg und der Umweg, genauso wie der Ausweg, ist nur durch Motivationen weiterer Art erklärbar, die über die ursprüngliche Motivation hinausgehen, durch entweder vorsätzliche Lustbeeinflussung oder durch eine weitere Motivation. Hierdurch entsteht eine Überlagerung von Handlungselementen aller drei Phasen.
  3. Ganz deutlich: Egal wie wir die Aktivität der Lustphase ausführen, selbst unter vorsätzlich bewusster Reflexion und Kontrolle unseres Tuns (und gerade dann!), immer lässt sich eine zeitlich vorausgehendes Motiv erkennen. Eine Handlung ohne dieses Motiv gibt es nicht und ist analytisch nicht erkennbar.
Und damit kommen wir als Letztes zur ersten Phase eines Handlungselements: der Motivationsphase. Aha, das muss es jetzt sein; hier endlich kann ich tun was ICH will! Warten wir es ab und analysieren weiter.

Was bedeutet das eigentlich, ein Motiv zu haben um etwas zu tun; einen erklärbaren Grund für eine dadurch determinierte, vorsätzliche Aktivität mit Befriedigungsphase zu haben. Unerklärbare Gründe sind keine Motive. Das ist der Bereich der Reflex- bzw. Affekthandlungen. Hier liegt keine Willkür vor! Am Anfang dieser These war ja festzustellen, dass es zwei Arten von Reizquellen gibt: Den äußeren und den inneren Reiz. Der äußere Reiz hat, wie beim Telefonbeispiel, eine innere Motivation zur Folge, die die Person im Normalfall aufstehen und zum Telefon gehen lässt, was unserer Person aber nicht unbedingt bewusst ist. Die Befriedigung, die man erlangen möchte, ist die Neugier, wer anruft. Hier ist die Ursache klar zur Handlung determiniert: also wieder keine Willkür! Jede kleine Nuance der Handlung zwischen der ersten Zuckung der Aufstehbewegung und dem Abnehmen des Hörers ist, sofern diese nicht durch einen weiteren Reiz irgendeiner Quelle beeinflusst wird, eine eindeutige Kausalfolge aller Einzelaktivitäten ohne Willkür.

Was aber liegt beim Erdnussbeispiel vor? Wir erinnern uns: Urplötzlich schießt ein Gefühl durch die Wahrnehmung: Hmmm! Im einfachsten Fall war ein äußerer Reiz da, der unserer Person nicht bewusst ist. Dieser kann sogar in der Vergangenheit liegen. Es kann z.B. eine Fernsehszene sein, wo ein unbeteiligter Statist im Hintergrund Erdnüsse isst. Das Gehirn nimmt diesen Reizmoment nur unterbewusst war und in Folge entsteht »urplötzlich« das verlangende (motivierende) Gefühl etwas Fettig-Salziges an die Geschmacksnerven kommen zu lassen. Generell kann man bei allen Motivationen, die nicht vorsätzlich bewusst, aus innerer, freier Reflexion heraus unvermittelt auftauchen keine vorsätzliche, akausale Willkür erkennen und definieren. Unabhängig davon, dass wir aber immer mit dem Gefühl aufstehen (die Lustphase einleiten): »Das habe ich aus freiem Willen getan.« Aber ist das die definierte Willkür?! Nein!

Aber wo ist sie denn nun, die Willkür, wo versteckt sie sich? Es bleibt uns nur noch eine Frage zu stellen, die übriggeblieben ist. Die letzte Bastion, wo Willkür stecken könnte? Dazu kann man zwei Fälle unterscheiden:

Erstens: Ein auslösender Gedankenblitz springt ohne inneren, willentlichen Vorsatz aus dem scheinbar(!) absoluten(?!) Nichts in unser Gehirn und leitet eine Motivation und in Folge eine Handlung ein und sei es nur weiterdenken!

Unabhängig davon, dass wir aus Prinzip nicht ausschließen können, das die Ursache dazu im Unterbewussten liegt, ist das keine Willkür; kein vorsätzliches Neudenken. Zumal das der grundsätzlichen Physik des elektrochemisch funktionierenden Gehirns widerspricht. Manche Autoren vermeinen in der quantenphysikalischen Unschärferelation das Hintertürchen zur Willkür akausalen Denkens entdeckt zu haben. Aber das ist es nicht, denn dann passiert zwar möglicherweise ein neuer Gedanke, aber Willkür ist das nicht, weil das ohne unseren willentlichen Vorsatz eintritt und eher ein Zufall ist. Man stelle sich nur einmal vor, dass wäre die Tagesordnung in unserem Gehirn? In Anbetracht der gigantischen Komplexität und Anzahl der Synapsen des Gehirns, wo dieser Effekt überall auftreten könnte, hätte unser Gehirn eine ganz schöne Leistung zu erbringen, die daraus entstehenden unsinnvollen Gedanken wieder zu unterdrücken. Schon einfachste Überlegungen aus vielen Bereichen führen dazu und neurophysiologische Untersuchungen mit Kernspintomografen belegen das, dass es extrem mehr unsinnige Gedanken geben müsste, als sinnvolle! Unser Bewusstsein würde förmlich überschwemmt mit andauerndem Gedankenchaos, dass nicht aus uns selbst heraus im Sinne der bewussten, vorsätzlichen, definierten Willkür käme. Wir hätten keine freie Minute mit wenig neurologischer Gehirnaktivität (die messbar ist), weil unser Gehirn andauernd am Filtern wäre.

Zweitens: Ein Gedanke entsteht mit innerem, willentlichen Vorsatz und der kommt uns neu vor.

Können wir uns da so sicher sein, dass das Willkür ist? Man darf hier nicht vergessen, dass unser Unterbewusstsein permanent mit von der Partie ist. Dort werden beim Denken ohne unser bewusstes Zutun im Sinne von »Vorsatz« unablässig Informationen und Emotionen abgerufen und ausgelöst, die wir als Ursachen, wie sich der Gedankenstrom entwickelt, doch gar nicht kontrollieren können. Des weiteren darf man nicht übersehen, dass schon der Gedanke, dass man ohne Ursache etwas neues Denken will selbst eine auslösende Ursache ist, die ihre Motivationsphase hat: also wieder keine Willkür! Ich habe keine Möglichkeit festzustellen, das der Gedanke »ich will neues Denken« und »ich will eine neue Denkkette auslösen, die ICH kontrolliere«, nicht aus den bisher erkannten Gründen durch ein Motiv beeinflusst ist

Wir müssen hier gut Aufpassen und das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: Die oben stehende Argumentation spricht dem Empfinden von »ich kontrolliere meinen Gedankenfortschritt« nicht die Existenz ab! Aber: Denken ist ein permanentes Abtasten des, auch vom Unterbewusstsein stark stimulierten Fortschritts des Gedankenstroms auf zielgerichtete Befriedigung hin (auch wenn wir das nicht bemerken!). Mal ganz abgesehen davon, dass der Denkprozess nach der einleitenden Motivation schon eine aktive Lustphase darstellt mit dem Ziel einer Befriedigung durch ein gedachtes Ergebnis, ist das keine Willkür mehr an dieser(!) Stelle. Der Denkfortschritt hat ein Ziel und davon abzuweichen, weil man ja den freien Willen spürt, ist denkbar unwahrscheinlich, wie oben beschrieben. Das Empfinden des sogenannten »freien Willens« ergibt sich dem Gedankenstrom passiv hin. Es sei denn, man will sich oder anderen erneut etwas beweisen. Damit stehen wir aber wieder am Anfang mit der Erkenntnis und der ursächlichen Motivation eines anderen Handlungselements etwas zu denken: Willkür? An dieser Stelle? Bestimmt wieder nicht!

Also ein letztes Mal: Ist hier die Willkür als vom Zustand des Universum unabhängiger freier Wille in akausaler Weise vorhanden? Antwort: Außer unserem Selbstempfinden dabei haben wir keinen rationalen oder wissenschaftlichen Hinweis darauf! Wie wir es auch drehen und wenden, es führt immer zum Gleichen: So gesehen gibt es keine Willkür im definierten Sinne; keine Willkür als Attribut eines neben dem Universum stehenden Bewusstseins! Unser Denken ist ein unablässiger Gedankenstrom, der irgendwann nach der Zeugung des Lebewesens aus ersten elektrochemischen Nervenimpulsen in einem wachsendes Organ mit dem Namen »Gehirn« einsetzt. Die Denkdichte, also die Denkmenge pro Zeit(-empfindung!) kann zwischen tiefster Ohnmacht und höchster Selbstreflexion stattfinden, sie hört aber nie ganz auf, solange man lebt, und jeder Gedanke, jedes Gefühl hat eine kausale Vorgeschichte. Auch aus dieser Hinsicht ist kein Sprung im Sinne von akausalem »Jetzt habe ich den vorhandenen Gedankenstrom abgebrochen und einen Neuen eingeleitet.« erkennbar!

Natürlich ändert diese Erkenntnis nichts daran, wie wir mit uns umgehen. Alles bleibt, wie wir es gewöhnt sind. Sie leugnet nichts an unserem Gefühl, dass wir es sind, die etwas wollen und nicht die unbekannten Ursachen tief in uns drinnen. Was soll es auch. Wahrscheinlich ist die Tatsache, dass wir die inneren Ursachen zu unserem Wollen nicht feststellen, auch eine wichtige Überlebensstrategie unserer Spezies, denn es ist mit Sicherheit ein Teilmechanismus zum Selbstbewusstsein und zum Egoismus, und der war und ist mit Sicherheit überlebensnotwendig! So gesehen sind wir zwar um eine Analyse wissender geworden, aber ändern tut sich dadurch nichts am Selbstbewusstsein unseres Wirkens in unsere Umgebung und Umwelt, wenn dies auch manchmal anzuraten wäre. Aber das hat mit Vernunft zu tun und ist ein anders Thema

Kommen wir zum Abschluss noch kurz auf die systemanalytische Sicht der Willkür. Die obige Analyse steht ja rein auf dem Standpunkt der generatorrealen, als Universalrealität unterstellten Realitätssicht. Schon aus diesem System heraus besteht keine Willkür, was aber das reale(!) Empfinden von freiem Willen nicht anzweifelt! Diese Empfindung scheint irgendwie zwischen die Überlagerung alltäglicher Handlungselemente in unserem Gebaren eingebettet zu sein. Auf der Basis der Systemtheorie ist Willkür eine Entität im System des Bewusstseins. Genauso wie Raumhohlheit und Zeitverläuflichkeit ist sie ein Teilelement der (unserer) Generatorrealität (siehe wieder These 04: Zeit und Bewusstsein). Genauso wie die Zeitverläuflichkeitsempfindung als Entität der Generatorrealität nicht vor die Sinne projiziert empfunden wird (so wie die Raumhohlheit), verbleibt auch die Empfindung des freien Willens nicht »vor die Sinne projiziert« im Bewusstsein zurück. Ganz im Sinne der analytischen Feststellung, dass das Bewusstsein ein System ist, dessen Elemente u.a. die Realität als Gesamtheit der wahrnehmbaren Empfindungen hervorbringt, ist auch die Empfindung der Willkür in uns selbst definitiv real. Erneut formuliert: Unsere Generatorrealität, also die Realität der Wahrnehmung »ist real« im Sinne einer feststellbaren überlebenstaktischen und -strategischen Ressource! Sie ist so real, dass sie im mathematisch-physikalischen Sinne konsistent funktioniert, weil sie diese Eigenschaften hat. Wer würde das anzweifeln?!
 
Resümee:
Egal wie wir es drehen und wenden: »Willkür« im Eingangs definierten Sinne ist nicht feststellbar und in keinem Falle eine reale Erscheinung. Der »freie Wille« aber, als Entität unserer Generatorrealität, ist demgegenüber sehr wohl eine in diesem Sinne reale Erscheinung.

Mit dieser Analyse ist es möglich, auf der einen Seite das System der klassischen Physik mit klarer Aussage über prinzipielle Kausalität im Universum gegenüber dem System bewussten Lebens auf der anderen Seite in Einklang zu bringen. Beides stellt sich, wenn wir die vorstehenden Thesen 01 bis 04 in die ganzheitliche Betrachtung mit einbeziehen nicht mehr als Widerspruch dar. Das war aber nur möglich, weil letztlich das hervorragende Analysewerkzeug der Systemtheorie einbezogen wurde und dadurch zwischen dem Begriff »Willkür« und dem »Empfinden des freien Willens« unterschieden wurde. Auch die Differenzierung zwischen den Begriffen und ihrer Bedeutung in bezug auf betrachtete Systeme, genauso wie die systematische Unterscheidung der Phasen in einem Handlungselement sind differenzierende Betrachtungen auf der Basis der Systemtheorie.

Die Lösung der paradoxen Frage, ob bewusstes Leben etwas, vom Universum unabhängiges ist oder ob es, wie alles Unbelebte in der Natur, einer Kausalität unterliegt, liegt einzig und alleine in der Akzeptanz, dass es keine Universalrealität gibt. Diesmal wurde aber noch weiter in die Elemente dieser(!) Realitätssicht hinein unterschieden, bis hin zum Sprachsystem und einzelnen Begriffen daraus, die ja wieder Teilsysteme dieser Realität für sich bilden.
 


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